Weiterbildung erfolgt begrenzt oder unbegrenzt

25.07.2019

Weiterbildung sollte in Deutschland angesichts von Digitalisierung, Globalisierung und demographischem Wandel eigentlich DAS Thema in Unternehmen, Politik und Gesellschaft sein – doch weit gefehlt! Eine aktuelle Studie der Bertelsmann Stiftung zeigt, dass stattdessen die Teilnahme an den Angeboten stagniert und die öffentliche Förderung sogar abgenommen hat.

Dabei hat eine Studie des Weltwirtschaftsforums den Deutschen attestiert, dass nur 46 Prozent von ihnen für die neuen Jobs der digitalen Arbeitswelt gewappnet sind. Das ist eine alarmierende Zahl. Schließlich gibt es Prognosen, dass bis 2035 knapp vier Millionen Arbeitsplätze wegfallen werden, jedoch auch rund 3,3 Millionen neue entstehen werden. Letztere allerdings nicht für 54 Prozent der Arbeitnehmer, wenn sie sich nicht beruflich weiterqualifizieren.

Weiterbildung wäre also dringend geboten. Stattdessen verzeichnet der „Weiterbildungsatlas 2018“ der Bertelsmann-Stiftung einen Rückgang der Teilnahme an Fortbildungen von 12,6 Prozent (2012) auf 12,2 Prozent im Jahr 2015.

Geringqualifizierte und Armutsgefährdete bilden sich kaum fort

Die Gruppe der Geringqualifizierten, also jene ohne Berufsabschluss, ist besonders betroffen. Fünfmal so viele von ihnen sind im Vergleich zu Menschen mit Berufsabschluss arbeitslos, doch die Weiterbildungsrate liegt mit gut 5 Prozent weit unter dem Durchschnitt der genannten etwa 12 Prozent. Auch die Weiterbildungsquote von armutsgefährdeten Menschen in Deutschland ist mit 7,7 Prozent sehr niedrig. Beide Gruppen könnten ihre Situation gerade mit Weiterbildung verbessern.

Das Problem ist jedoch, dass diese Gruppen stärker als andere auf die öffentliche Förderung von Bildungsmaßnahmen angewiesen sind, dafür aber immer weniger Geld zur Verfügung steht. Sie selbst können berufliche Weiterqualifizierungen nicht finanzieren und auch die Unternehmen sehen sich nicht in der Lage, Berufsabschlüsse im Nachhinein zu finanzieren. Die öffentlichen Mittel für Weiterbildung werden seit Jahren immer weniger, zwischen 1995 und 2015 sind sie um über 40 Prozent gesunken. Der absolute Tiefpunkt war im Jahr 2012 erreicht, immerhin wurden 2015 statt der damals knapp 5 Mrd. Euro doch wieder über 6 Mrd. Euro die Weiterbildung investiert, jedoch finanziert die öffentliche Hand damit nicht einmal mehr ein Viertel der gesamten beruflichen Fortbildungsausgaben von knapp 27 Mrd. Euro.

Unternehmen investieren stärker in Weiterbildung

Die Unternehmen gaben 2015 etwa 11 Mrd. Euro für Weiterbildung aus, knapp ein Viertel mehr als zwanzig Jahre davor, denn inzwischen ist es bei der demographischen Situation und dem Kampf um qualifiziertes Personal ein Allgemeinplatz, dass nur wer in die berufliche Weiterentwicklung seiner Mitarbeiter investiert wettbewerbsfähig bleibt. Ohne neues Praxiswissen werden besonders die Herausforderungen der Digitalisierung in den Unternehmen kaum zu bewältigen sein. Viele Arbeitnehmer sind inzwischen bereit, für die eigene berufliche Qualifizierung zu bezahlen und sie tragen mit ca 9 Mrd. Euro ein gutes Drittel der Weiterbildungsausgaben selbst.

Die Motivation zu beruflicher Weiterqualifikation hat sich übrigens stark verändert und die Sicherung des eigenen Arbeitsplatzes, die 2010 immerhin noch 29 Prozent als wichtige Motivation nannten, ist mit über 10 Prozent in den Hintergrund getreten. Stattdessen sind beruflicher Aufstieg bei fast 70 Prozent und ein höheres Einkommen für knapp die Hälfte aller Befragten die klaren Favoriten.

Die Bertelsmann Studie hat das Thema Weiterbildung auch in Bezug auf die einzelnen Bundesländer untersucht, denn auch dort gibt es enorme Diskrepanzen wie bei den Bevölkerungsgruppen. An der Spitze steht mit einer beruflichen Fortbildung von über 15 Prozent Baden-Württemberg, Schlusslicht ist das Saarland mit einer mageren 7,8 Prozent-Quote. Hierfür gibt es zahlreiche Gründe und die wirtschaftliche Prosperität ist nur einer unter vielen.

Allerdings bedeutet das nicht, dass in Baden-Württemberg nun die qualifiziertesten Menschen leben, denn die Transparenz bei der Qualität der Fortbildungen ist deutschlandweit miserabel, so die Studie und nötig seien erhebliche Investitionen in die Qualitätssicherung.

Teilnehmer und Projektverantwortliche des Projekts „Smile“

Projekt: Unbegrenzte berufliche Fortbildung

Ein interessantes Projekt zum Thema hat die Haufe Akademie unlängst durchgeführt: dabei bekamen 15 Menschen zwei Jahre lang einen unbegrenzten Zugang zu Weiterbildungsangeboten, ohne Kostenbegrenzung und mit freier Wahl der Themen und Formate. Zum Projekt „Smile“ gehörte auch ein persönlicher Coach, der die Teilnehmer bei Bedarf unterstützte. Ziel des Projekts waren neue Erkenntnisse für Personalentwickler und Führungskräfte zum Thema berufliche Fortbildung und wie diese zukünftig besser in die Unternehmenskultur integriert werden könnte. Denn stärker als bisher wird es darauf ankommen, den Mitarbeitern ein lebenslanges, eigenverantwortliches Lernen zu ermöglichen und ihnen entsprechende Wahlfreiheiten zu geben. Das Projekt, zu dem übrigens auch ein Buch erschienen ist, hat gezeigt, dass es zukünftig weniger um Anpassungsqualifizierung für bestimmte Positionen gehen wird, sondern stärker um potenzial- und stärkenorientierte Förderung. Und berufliche Fortbildung sollte mehr als bisher individueller und flexibler an verschiedene Lebensentwürfe angepasst werden und den ganzen Menschen im System von Beruf und Familie im Blick haben.

Weiterführende Links

Beim Thema Weiterbildung gleicht Deutschland einem Flickenteppich, bertelsmann-stiftung.de
Deutscher Weiterbildungsatlas, Bertelsmann Stiftung
Weiterbildung ohne Grenzen, haufe.de

Fotos: Bertelsmann-Stiftung.de; haufe.de

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Schlagwörter: HR, Studie, Trends, Weiterbildung